AIKO’S WORLD CHAMPS INTERVIEW

by Rick 12/11/15

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Die diesjährige 4X Weltmeisterschaft war ein ganz besonderes Ereignis. Ich war dieses Jahr lediglich als Fotograf in Val di Sole und dennoch war es für mich das wohl nervenaufreibendste Rennen, das ich je erlebt habe. Ich kann euch gar nicht sagen, wie viel Haare ich an dem Abend des 22. August gelassen habe und wie oft mein Puls durch die Decke ging.

Angefangen hat alles schon einige Wochen vor der WM. Aiko und ich verbringen in unserer Freizeit viel Zeit miteinander und wie soll es anders sein natürlich reden wir auch über Fahrräder, die Szene, Rennen und ja ab und zu kommt da auch eine Menge Müll bei rum.
Ich wusste, dass er in diesem Jahr einer der größten Favoriten für den WM Titel sein würde. Er fuhr das ganze Jahr schon verdammt gut (eigentlich wie jedes Jahr) und das habe ich ihn spüren lassen. Tage vorher habe ich ihm schon auf die Schulter geklopft und ihm mit einem zwinkernden Auge gesagt, dass er dieses Jahr Weltmeister werden würde. Daraufhin kam meistens nur eine Antwort wie: „Ach erzähl nicht so ein Scheiß!“ oder „Hör auf mit dem Mist.“
Ich fand es immer ziemlich witzig, doch ich glaube, indirekt habe ich ihn schon unter Druck gesetzt. Wer Aiko aber kennt weiß, dass er damit ziemlich gut umgehen kann.

Ok, spulen wir vor.

Wir fuhren nach Val di Sole und so richtig spannend wurde es das erste Mal am Freitagabend bei der Quali. Ich stand oben mit den deutschen Jungs und alle waren etwas angespannt, auch Aiko. Er war einer der ersten Fahrer und fuhr eine tolle Zeit. Rang 2! Wir waren alle aus dem Häuschen und spätestens danach musste er sich wohl eingestehen, dass er wirklich eine Chance auf den Titel haben würde. „Aiko Göhler auf dem Weg zu Edelmetall“, hatte ich in die Nachricht geschrieben, die ich dem BDR schickte.

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Am nächsten Tag war es dann soweit. Ich wurde nervös schon als ich nur das ganze Spektakel von außen betrachtete, keine Ahnung wie sich dann die Jungs gefühlt haben müssen. Riesige Flutlichter beleuchteten die Strecke und tausende Zuschauer säumten die Ränge – so eine Menge an Menschen kam schon lange nicht mehr zu einer 4X WM.

Die Läufe gingen los und ich hab mich von Lauf zu Lauf nach unten Richtung Ziel gearbeitet. Aiko fuhr ein bescheidenes Rennen, zumindest für unser aller Nerven. Während er im ersten Heat einen tollen Start hatte, versemmelte er es im Viertelfinale und lag auf Rang vier. Meine Nerven lagen das erste Mal blank. Vor dem Steinfeld packte er aber eine seiner Sniperlines aus und schob sich gleich an zwei Fahrern vorbei. Uwe Buchholz fragte sich später, ob nun eine neue Ära im 4X beginnen würde: „… trainieren jetzt alle Überholen statt Starts?“, denn das sollte nicht Aikos letzter Move gewesen sein.

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World Cup #7 Val di Sole 2015

Im Halbfinale stand ich an der Proline und habe den Start nicht gesehen. Erst als Aiko hinter Benedikt in die Proline einbog wusste ich was passiert. Scott Beaumont war auf Drei und ging auf die Jagd. Er zog an Aiko vorbei, Aiko konterte. Doch Beaumont nahm viel Schwung mit, so dass Beide fast gleichzeitig über die Ziellinie fuhren – Fotofinish und ich musste mich setzen. Vier lange Minuten hat die Entscheidung der Referees gedauert, vier Minuten in denen ich knapp an einem Herzkollaps war. Was danach geschah steht in den Büchern. Im Finale stand ich in der letzten Kurve. Aiko bog als Erster ins Steinfeld ein und ich konnte kaum meine Kamera still halten. Ich hab noch ein Bild mitgenommen und bin danach nur noch gerannt.

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Was hast du gedacht als du als Erster in die letzte Kurve eingebogen bist?

„Ich bin gleich Weltmeister“ ... haha, nein das habe nicht gedacht. Mach einfach keinen Fehler“… selbst in der letzten Kurve kann man noch wegrutschen und alles wäre hin. Ich glaub das waren so meine Gedanken!

Ich weiß, wie nervös ich beim Finale war. Wie hast du es wahrgenommen? Du warst ja eine ganze Weile auf Drei. War Benedikts Attacke eine Überraschung für dich?

Nicht wie jedes Rennen oder ein Finale des MDCs, es war das Finale der Weltmeisterschaft und da stand ich schon einmal im letzten Jahr in Leogang, wo es leider nur für den vierten Platz reichte. Dieses, mein zweites Fourcross WM-Finale, war wie ein Rausch voller schneller Entscheidungen, kurzer Augenblicke und hoher Spannung, in dem es einfach keinen Fehler zu machen galt. Ich versuchte schon in der ersten Kurve an Benedikt vorbei zu kommen, der auf dem zweiten Platz hinter Hannes lag, aber es reichte nicht.

Nein, der Angriff auf Hannes war für mich keine Überraschung. Ich hätte es wohl genau so gemacht, nur hab ich nicht damit gerechnet, dass Hannes dabei stürzen würde und Benedikt dadurch so langsam, dass selbst Lucas Cryer ihn noch überholt.

Im Nachhinein gab es wie immer viel Gerede über die Attacke. Unfair / fair, die Meinungen teilten sich. Empfandest du sie als zu hart?

Nein aus meiner Sicht war das Manöver von Benni gegen Hannes Slavik fair gefahren. Ich hätte es wohl auch so gemacht. Hannes Linienwahl in der 5. Kurve war schon sehr einladend und hat regelrecht nach einem Angriff gerufen. Ich hätte in führender Position nie die Kurve ausgefahren, sondern wär auf Verteidigung gefahren. Vielleicht war sich Hannes seiner Sache zu sicher. Da ich selbst schon mal an genau der gleichen Stelle von einem Briten abgeschossen wurde und der Angriff hatte mich über die Kurve in die Zuschauer befördert, finde ich, dass Benedikts Angriff völlig ok war!

World Cup #7 Val di Sole 2015

Im Ziel sind die Leute ausgeflippt, dass war krass. So viele Leute sind zu dir gekommen wollten dich umarmen, Autogramme, Bilder. Wie war das für dich?

Hammer, einfach unbeschreiblich so viele Fourcross-Fans und Kids mit ihren Smartphones, die ein Selfie mit mir wollten, einfach nur Spitze!!!

Bei einer Weltmeisterschaft herrscht meist eine ganz besondere Stimmung, der Spirit unter den Fahrern ist anders. Wie hast du die WM Woche empfunden? Wurdest du nervös nachdem du so eine gute Quali gefahren bist?

Die Tage vor dem WM-Finale waren einfach cool mit der deutschen Crew. Am Freitag fuhr ich den zweiten Platz in der Qualifikation ein, was schon der mega Hammer für mich war. So richtig nervös wurde ich aber nicht, da ich mir die schweren Heats für das Finale angeschaut hatte und mir ein Finale kaum vorstellen konnte. Ich nahm mir vor einfach das Beste daraus zu machen und so fuhr ich die Strecke in Gedanken am Freitag vor dem Einschlafen sicher so 20 Mal in den verschiedensten Ausgangspositionen und Eventualitäten ab.

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Hat sich bei dir etwas verändert seitdem du in Italien gewonnen hast? Wann kommt der Red Bull Helm?

Nicht wirklich viel, außer dass mir der Gedanke öfter mal in den Kopf kommt und ich mir denke: „Man, du bist Weltmeister, dass kann dir keiner mehr nehmen!“
Naja und auf einen Red Bull Helm war ich nur früher mal heiß, da sich aber so einige Ansichten geändert haben und ich mich gesund ernähre könnte ich so eine Firma die Zuckerwasser verkauft nicht repräsentieren!

Verspürst du jetzt Druck, den du vorher nicht hattest?

Nein noch nicht! Aber vielleicht nächstes Jahr, wenn ich wieder in Val di Sole am Gatter stehe und die Qualifikation bestreiten werde. ;)

Nachdem wir jetzt so eine tolle WM erleben durften. Hast du das Gefühl, dass Fourcross auf dem Weg der Besserung ist? Hat sich der Sport erholt und kann wieder durchstarten?

Ich hoffe, es finden einfach wieder mehr Biker Gefallen an diesem tollen head-to-head Wettkampfmodus und, dass der Sport hier in Deutschland und auch international wieder wächst! Das Publikum in Val di Sole war auf jeden Fall hart am Limit und es war eine sehr geile Stimmung.

Mir ist es auch überhaupt nicht mehr wichtig, dass der Sport zurück in den Worldcup kommt. Die Leute, die Spaß am 4X haben, sollten einfach ein paar Rennen fahren, die Competition gegen- und miteinander genießen. Vielleicht braucht der 4X Sport noch ein paar Neuerungen um mehr Fullyfahrer mit einzubeziehen. Ich lass mich überraschen was die Zukunft so bringt!

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Den Sprung, den du in den letzten Jahren gemacht hast ist ziemlich beachtlich. Die meisten Weltmeister fahren sicher schon seit ihrer frühsten Kindheit. Wie hat sich das Puzzle „WM Titel“ in den letzten Jahren zusammengesetzt?

Ich denke es ist eine gewisse Erfahrung, die ich in den letzten Jahren für den 4X Sport gesammelt habe. Damals auf meinem ersten Worldcup in Houffalize war ich froh die Quali zu überstehen und ein Jahr später fuhr ich auf den vierten Platz, was für lange Zeit mein bestes internationales Ergebnis war. Da war ich schon mega geflashed! Seit dem hieß es Taktik, Fahrtechnik und Kurvenspeed trainieren und ausbauen. Naja und die Starts haben sich auch ohne eigenes Gate in den letzten Jahren verbessert. Dies kommt wohl alles zusammen und da ich nie den Spaß am Radfahren verloren habe und viel Energie reingesteckt habe, kam jetzt der WM-Titel als ein schönes Puzzleteil dazu. Ich bin super happy!

Zwei Wochen nach der WM hattest du in Eisenhüttenstadt das erste Mal das Regenbogen-Trikot an, bist prompt gestürzt und hast dir die Hand gebrochen. Deine erste ernsthafte Verletzung. Meinst du das hat mit dem WM Titel zu tun?

Mmh..ich glaub nicht, dass es was mit der WM zu tun hatte. Ich glaube, es war einfach nur Schicksal, denn dadurch konnte ich zusammen mit Freunden die neue Wohnung meiner Freundin und mir fertigstellen ohne immer am Abend nach der Arbeit ranklotzen zu müssen. So wären wir sicher heut noch nicht fertig mit dem Umzug …

Was passiert jetzt? Winter = Offseason. Muckibude und Training für die nächste Saison oder was steht als nächstes an?

Ich starte jetzt nach meiner achtwöchigen Zwangspause endlich mit Physiotherapie und Fitness. Das heißt konkret ich gehe zwei mal die Woche joggen, mach mein eigenes Workout ohne viel Gewicht und so. Kein Hokuspokus und kein krasser Fitnessplan.
Wenn ich am Wochenende Zeit hab werd ich mir wieder mal mein Bike schnappen und ne Runde im Wald fahren.
Und um noch mehr Spass in die ganze Sache zu bringen gehe ich doch mit dir mindestens einmal die Woche zum Tischtennis, was aus meinem Leben auch nicht mehr wirklich wegzudenken ist!

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Wie sieht dein Plan für die nächste Saison aus?

Der richtige Plan steht noch in den Sternen aber eins weiß ich genau: Ich werde nächstes Jahr in Val di Sole meinen Weltmeister-Titel so gut wie es mir nur möglich ist verteidigen ! ;)

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Beast Mode am Donnerstag vor dem ersten Training in Val di Sole. Photocredit: Rick Schubert  
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Im ersten Lauf verlief alles nach Plan. Start-Ziel-Sieg. Photocredit: Sebastian Schieck 
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Ich bewundere Aiko immer wieder dafür, wie er auch bei solch großen Rennen die Ruhe bewahren kann und seine Nerven so gut unter Kontrolle hat. Photocredit: Rick Schubert 
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Nervenaufreibende Momente gab es genügend. Aiko verpatzt den Start und geht auf die Jagd. Photocredit: Sebastian Schieck 
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Vor dem Steinfeld ließen viele Fahrer eine Lücke, die Aiko gleich zweimal nutzte. Hier muss der Brite Lewis Lacey dran glauben. Photocredit: Sebastian Schieck 
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Das Portrait ist wenige Minuten vor Aikos Qualifikation entstanden. Ruhig und fokussiert beschreibt ihn zu dem Zeitpunkt sicher am besten. Photocredit: Rick Schubert 
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Das Steinfeld im unteren Streckenabschnitt gab eine Menge Optionen her. Schlussendlich war die lange Außenlinie die Beliebteste. Photocredit: Rick Schubert 
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Drei von sechs möglichen Medaillen gingen in Val di Sole an Deutschland. Steffi Marth, Aiko Göhler und Benedikt Last. Photocredit: Sebastian Schieck 
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Mit dem Sieg in Val di Sole ist Aiko der erste deutsche Elite Mountainbike-Weltmeister. Nur Manuel Fumic stand bereits ganz oben bei einer Weltmeisterschaft, damals aber noch in der U23 Kategorie. Photocredit: Rick Schubert 
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Prost Aiko! Photocredit: Rick Schubert 
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Aiko führt das Finale vor Lukas Cryer und Benedikt Last an. Photocredit: Sebastian Schieck 
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One happy Aiko! Photocredit: Sebastian Schieck 
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Die Fans haben Aiko fast überrannt. Jeder wollte gratulieren, Fotos machen oder ein Autogramm. Photocredit: Sebastian Schieck 
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Danke für diese tolle Weltmeisterschaft AIKO! Photocredit: Sebastian Schieck 

Wir drücken dir auf alle Fälle die Daumen Aiko! Damit sind wir leider schon am Ende. Ein paar letzte Worte?

Vielen Dank an alle, die an mich geglaubt und mich bisher unterstütz haben. Danke Mama, Papa und der Rest der ganzen Familie, ihr seid einfach toll. Lieben Dank an meine Freundin, die immer hinter mir steht und meinen Sport unterstützt! Natürlich auch ein großes Danke an meine jetzigen Sponsoren: Last-Bikes, Adidas Eyewear, Urge, Alexrims, Five Ten, Kore, Mount Three und Flatoutsuspension, welche mich stark unterstützen! Das Team ist einfach super, mit euch macht es super viel Spaß!  Und auch danke an dich Rick: Danke für die coolen Roadtrips, damals wo alles begann, ob mit Golf 3 oder Ford Escort. An die Zeiten erinnere ich mich gern!

Danke für das Interview MTBISOKAY